Teilzeitmobbing

Ich kenne solche Geschichten bisher nur aus fernen Erzählungen und Artikeln, denn ich bin mit einem frauenfreundlichen Arbeitsumfeld gesegnet. Bilde ich mir zumindest ein – denn aus jenem Teil des Bekanntenkreis, von dem ich genau das auch angenommen hatte, kam mir am vergangenen Wochenende diese Geschichte sehr nahe:

Wohlbekannte, nordrhein-westfälische GmbH mit hohem Geschäftsführerverschleiß (vielleicht ist das ja schon ein Warnzeichen). Betriebsbedingte Kündigungen sind dort selten bis unbekannt. Projektmanagerin, seit einem Jahrzehnt im Unternehmen, wird mit 40 Mutter und arbeitet nach der Elternzeit nur noch gut 50%. Der Chef eröffnet ihr, dass sie in Zukunft nur noch als Projektmanagerin arbeiten kann, wenn sie zu mindestens 80% anwesend ist, ansosten halt Projektassistentin (notwendigerweise bei jemandem, der garantiert weniger kompetent ist als sie) oder irgendwas anderes werden muss. Irgendetwas weit unter ihrer Qualifikation halt.

Ich halte das nicht nur für das dümmste Zeug, das ich mir im Zusammenhang mit Projektmanagement vorstellen kann, denn ausgerechnet dort geht es ja schließlich um Ressourcenplanung, sondern auch und vor allem für Mobbing.

Teilzeitmobbing

14 Gedanken zu „Teilzeitmobbing

  1. In einer mir bekannten Firma auch (nicht die, für die ich arbeite), ebenfalls im Bereich Projektmanagement. Nach der Elternzeit wurde erst gesagt, als außertariflicher Mitarbeiter würden die Arbeitszeiten ja eh nicht so zählen, nachher wurde mit Projektassistenz gedroht. Manchmal hilft da aber wohl auch, wenn man mal anmerkt, das mit dem Betriebsrat besprechen zu wollen. (Ich halte ansonsten vom Betriebsrat auch nicht so viel, aber für solche Geschichten kann das ganz praktisch sein.)

    1. holgi schreibt:

      Genau das wird sie auch machen. Allein: Die ganze Nummer ist so unglaublich beschämend – und dann erzähl mir nochmal einer, Frauen seien ja gar nicht strukturell benachteiligt…

  2. Christian1313 schreibt:

    Ich kenne das Unternehmen und auch die genauen Umstände nicht.

    Die Fakten in deinem Beitrag sind:
    * PM möchte gern weiterhin 50% Arbeiten
    * Chef sieht die Notwendigkeit min. 80% Anwesenheit

    Was soll der Chef machen?
    1. Zusätzlichen PM einstellen der den Rest abarbeitet (30%)
    2. Einem anderen PM der bereits da ist die Arbeit (30%) aufdrücken
    3. Weniger Projekte/Aufträge annehmen um nicht mehr die Notwendigkeit der 80% zu haben
    4. Möglichkeit 1 allerdings mit mehr Aufträgen sodass der zusätzliche PM auf eine höherer Auslastung kommt (>=50%)

    Der Sachverhalt ist für (ohne Kenntnis der Personen) nich geschlechtsspezifisch und hat erstmal nichts mit mobbing zu tun. Wenn ich Chef wäre und keine der 4 Möglichkeiten umsetzbar sind, würde ich genauso vorgehen.

    Ich möchte hier Mobbing und frauenfeindlichkeit nicht auschließen, aber Belege oder Argumentationsansätze dafür hast du nicht gegeben.

    1. holgi schreibt:

      Mehrere dieser Möglichkeiten sind umetzbar.

      Geschlechtspezifisch wird es dadurch, dass Männer viel seltener in Teilzeit gehen.

      (außerdem: ist deine Mailadresse gültig? Ich bekomme ständig bounces)

      1. Christian1313 schreibt:

        Sorry für die Bounces
        vielleicht habe ich mich vertippt. Die bei diesem Post verwendet Mailaddresse habe ich verifiziert, kommt an.

        Weniger Teilzeit bei Männern: Ja ist so, wo ist aber der Bezug zu dem Fall?
        Wenn die Möglichkeit zur Teilzeit da ist, kann sie ja prinzipiell jeder in Anspruch nehmen und wenn nicht geht es eben nicht.
        Für mich wäre es jetzt geschlechtsspezifisch wenn ein Mann in der gleichen Firma mit ähnlicher Ausgangssituation in Teilzeit gehen könnte. So beliebt das ganze eine schwer nachweisbare Anschuldigung genauso wie das Mobbing.

        Bei Twitter hast du ja gefordert Männer in die Teilzeit zu zwingen. Umgedreht könnte man ja auch fordern alle Frauen in Vollzeit. Beides ist doch aber ein individuelle Entscheidung unter Berücksichtigung der vorhandenen Möglichkeiten.

        1. holgi schreibt:

          Dan gibt es irgendein Problem mit deinem Mailserver. Der nimmt die Mails nicht an :/

          Frauen in Vollzeit zu zwingen ist ja genau das, was dort (implizit) passiert. Und das liegt daran, dass Teilzeit keine Kategorie ist, in der Gleichberechtigung herrscht. Frauen arbeiten Teilzeit, Männer nicht. Das mag Tradition sein, aber Tradition wiederum ist kein Argument für das Beibehalten ungünstiger Umstände. Würde man Männer in Teilzeit zwingen (und hier bitte nicht auf den naheliegenden Nebenkrigsschauplatz ausweichen – ich weiß, dass das juristisch eher utopisch ist), würde Teilzeit also ein gesamtgesellschaftlich akzeptiertes und ausgeübtes Erwerbsmodell sein, würden solche Chefs (ein Mann) vermutlich gar nicht erst auf die Idee kommen, solcherlei Forderungen zu stellen.

          1. Christian1313 schreibt:

            Sag das Microsoft 😉

            ist eine @live.de Adresse funktioniert tatsächlich für bisher alle anderen. Vielleicht hast du doch noch ein Problem auf deiner Seite. Kannst ja notfalls eine Testmail mal manuell schicken oder mich auf eine Filterliste setzen :-).

            P.S. Zum Thema: Deine Aussage das Frauen strukturell benachteiligt sind stimme ich zu. Ich finde es aber immer schwierig wenn dann mit solchen Fällen argumentiert wird, wo die Argumente für eine vorhandene strukturell Benachteiligung fehlen.
            Aus meiner Sicht sollte es in Fällen in denen die Teilzeit verweigert wird eine klare Begründung geben. Diese sollte auch beinhalten warum mögliche Alternativen (s.o) nicht umsetzbar sind. Dadurch ergibt sich eine transparenz die ggf. dem Teilzeitwilligen auch klar macht warum es leider nicht geht.

            Insgesamt haben kleinere Firmen eher Schwierigkeiten mit Teilzeit.

        2. Nein, ist es nicht. Weil es gesellschaftlich immer noch so vorgesehen ist, dass die Frauen zu Hause bleiben oder Teilzeit arbeiten und die Männer Vollzeit arbeiten. Versuch mal, als Mann in einem eher konservativen Unternehmen (und es sind mehr Unternehmen konservativ, als sie selber behaupten würden), mehr als zwei Monate Elternzeit zu nehmen, ohne komisch angeguckt zu werden.

          Meine Vermutung ist, dass in dem Moment, wo Männer sich eher dafür interessieren, weniger zu arbeiten (30 Stunden oder eben halbtags) auf einmal auch viel mehr Möglichkeiten bestehen, das einzurichten. Weil es eben aber bislang immer nur als „Frauenproblem“ gesehen wird, besteht auch gar kein Interesse, sich großflächiger damit zu beschäftigen, wie man Vereinbarkeit von Beruf und Familie gestalten kann.

          „Umgedreht könnte man ja auch fordern alle Frauen in Vollzeit.“

          Wie soll das gehen, wenn man Kinder hat und es offensichtlich immer noch nicht gewährleistet ist, dass man einen Platz in einer Kita bekommt. Und selbst wenn haben die ja auch Öffnungszeiten und Ferien. Die Lösung kann dann eigentlich nur sein, dass niemand mehr Kinder bekommt oder eben dann gleich zu Hause bleibt.

          „Beides ist doch aber ein individuelle Entscheidung unter Berücksichtigung der vorhandenen Möglichkeiten.“

          Das mit der individuellen Entscheidung ist glaube ich Wunschdenken (s.o.), fängt eben damit an, dass Männer immer noch im Durchschnitt mehr verdienen und es z.B. als Konstrukt nicht vorgesehen ist, auch in einer Leitungsfunktion weniger zu arbeiten. Und was die vorhandenen Möglichkeiten angeht, so ist ja genau das auch das Problem, was Holgi anspricht. Der Arbeitgeber ist nicht flexibel genug, um auch Möglichkeiten jenseits des Tellerrands zu offerieren. Genau um die Erweiterung der Möglichkeiten geht es aber und das bekommt man im Zweifel eben nur mit Druck hin.

          1. Christian1313 schreibt:

            „… es ist gesellschaftlich immer noch so vorgesehen ist, dass die Frauen zu Hause bleiben …“

            Ich bin in der DDR geboren, für mich is das was du als gegeben voraussetzt (‚Frau bleibt am Herd‘) schon immer ein Rätsel gewesen. Deine Forderung nach vernünftigen Kita-Plätzen unterstütze ich voll. Ich bin selbst ab dem 6. Monat in die Krippe gegangen (eher getragen worden) und meine Eltern waren voll berufstätig. In den letzten 25 Jahren hat sich da noch nicht so viel getan im vereinigten Deutschland, leider.

            „… Der Arbeitgeber ist nicht flexibel genug …“
            Wie auch in einem anderen Kommentar von mir geschrieben. Gibt es eben zwei Seiten der Medaille. Daher sollte es eine ausführliche Begründung für eine Ablehnung geben in der die betrachteten Möglichkeiten erörtert werden.
            Ich glaube übrigens das Unternehmen selten konservativ sind, sondern eher andere Motive verfolgen, Gewinnmaximierung. Vielleicht muss dem Chef/GF nur dargelegt werden welchen Vorteil es gibt, wenn andere Arbeitsmodelle unterstützt werden. Natürlich gehe ich hierbei davon aus das der Chef/GF auch wirklich an einer Lösung der Situation interessiert ist und tatsächliche kein Mobbing vorliegt.

    2. das-pearl schreibt:

      Hatte von der konstellation (50% geht als PM nicht) auch schon mal gehört. Mir stellt sich da die frage, ob es betriebsstrukturell nicht gehen will oder ob in der 100%-Stelle ein verstecktes 24/7 drin ist, oder ob der betrieb sich strukturell nicht in der lage fühlt mit zwei 50ern zu arbeiten.

      Ich denke, es liegt ein grundlegendes problem vor, dass noch aus den 50er bis 70er jahren immer noch in unsere zeit wirkt: frauen an den herd, vollbeschäftigung in kombination mit vollzeit, familie ist standorttreu und somit gibt es oma und opa…

      Gesellschaftlich fordern wir arbeitstechnisch jegliche Flexibilität, aber privat eben nicht. Pendeln (täglich oder wöchentlich) und arbeitszeiten sind eben nicht verhandelbar. Wie du die familie auf die reihe bekommst, nicht meine sache, laut arbeitsvertrag bist du mein „sklave“.

      Die rechtsprechung ist hier schon sehr viel weiter, was ich ausdrücklich begrüße (siehe hier: http://trabhardt-arbeitsrecht.de/Teilzeit/)

      1. Dirk schreibt:

        Das ist teilweise sehr wohl ein strukturelles Problem.

        Unsereins arbeitet in einem SCRUM-Umfeld. Und als ich da – als Mann – in Teilzeit ging, vier Tage statt fuenf (kann ich nur jedem empfehlen, entspannt sehr), da hiess es sofort, das passe nicht zu den Daily Standup Meetings. Stimmt. Passt auch nicht. Und damit fallen fuer mich auch alle Management-Funktionen weg, die voraussetzen, dass man jeden Tag da ist. Und, wenn ich manche unserer externen Scrum Master so sehe, eben auch weit mehr als acht oder zehn Stunden am Tag.

      1. Christian1313 schreibt:

        Brauchen wir alle.

        Ja schließt sich nicht aus aber Gewinnmaximierung schlägt in den meisten Fällen den Konservativismus. Wenn die Firma Vorteile hat wird schonmal der ein oder andere Vorsatz über den Haufen geworfen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.