Early Retirement

Die Tage bin ich über die „early retirement„-Szene gestolpert, also jene Menschen, die darauf hinarbeiten, so schnell wie möglich finanziell unabhängig zu sein.

Die Idee ist simpel: Ausgaben so weit reduzieren, dass man 50% und mehr seines Nettoeinkommens derart anlegen kann, dass es irgendwann so viel Kapital ist, dass dessen Rendite den vergleichsweise niedrigen Lebensstandard bis zum St. Nimmerleinstag finanzieren kann. Je nach Lebensentwurf und Einkommen ist man damit nach spätestens 20 Jahren durch. Ein normaler Bachelor könnte also noch vor seinem 40. Lebensjahr damit anfangen, ausschließlich zu tun, was er will. Das beinhaltet übrigens, Geld zu verdienen – bloß halt nicht mehr, weil man muss.

Spaßeshalber habe ich dann ein wenig mit mit meinem bisherigen Lebenseinkommen rumgerechnet und festgestellt, dass ich seit über zehn Jahren meine Ruhe haben könnte, hätte ich diese Idee gleich zu Beginn meines Berufslebens kennengelernt und hätte es geschafft, sie umzusetzen.

Das ist ja jetzt schon ein wenig frustrierend 😂

Early Retirement

42 Gedanken zu „Early Retirement

  1. Jan schreibt:

    Holgi DU als Grossmeister der Konsumfreude, mit Deinen Kameras & Objektiven, Klapprädern und sonstigem Tinnef: niemals.
    Das Projekt wäre nach 10 Minuten gescheitert gewesen.

    1. holgi schreibt:

      Darum sage ich ja: rechtzeitig. Man muss das alles kapieren, bevor man sich überhaupt erst an unser beklopptes Konsumverhalten gewöhnen kann. Abgewöhnen ist später nämlich so unendlich anstrengend, wie bei allem, was Normalität geworden ist.

      1. Einer schreibt:

        Sowas wie Rente sehr abstrakt ist bevor man 40 wird. Glaube es ist schwer sein 20 Jähriges selbst davon zu ūberzeugen ohne der alte Spiesser zu sein.

  2. Peter schreibt:

    Ich kenn auch zwei, drei solcher Leute (einer „studiert“ seit über zwanzig Jahren an der HU) – aber will man wirklich auf Dauer den Lebensstandard eines Studenten haben?

    Und wo diese Idee auch überhaupt nicht funktioniert: wenn man doch irgendwann man Familie und (teuer, teuer, teuer) Kinder haben möchte. Grade Menschen, die intellektuell so weit sind, solche Konzepte zu verfolgen, wehren sich dann ja oft dagegen, ihre Kinder in Hartz-4-Verhältnissen aufwachsen zu lassen, wenns nicht unausweichlich ist.

    1. holgi schreibt:

      Ich habe direkt zu Beginn meiner Berufslaufbahn schon sehr gut verdient (mehr als heute – was es irgendwie noch ein wenig ärgerlicher macht 😉 ). Wenn ich das für mich durchrechne, wäre das ab dem ersten Jahr der Lebensstandard eines Wein trinkenden, rauchenden, gelegentlich sogar im Mittelklasserestaurant essenden Studenten mit eigenem PKW gewesen (habe ich für die Arbeit gebraucht) und im dritten Jahr hätte ich von zuhause ausziehen können. Bei meinem Einkommen der ersten 15 Jahre wäre da auch was für Kinder übrig gewesen.

      Du darfst auch nicht übersehen, dass man ab „Rente“ nicht bloß nasebohrend rumsitzt, sondern mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit weiter arbeiten wird, um nicht irre zu werden. Da kommt also auch Geld rein, und die Partnerin bringt auch noch welches mit. Selbst wenn die Rente bloß 800,- im Monat (für einen Single zu wenig, um unabhängig zu sein) wären und alle nur Minijobs machten, wären am Ende knapp 2000,- monatlich in der Kasse.

      Das ist nicht üppig, aber auch kein echtes Problem. Ich kenne Familien, die haben weniger.

      Ein Problem ist eher der Druck, der von außen kommt. Eben durch solche seltsamen Überzeugungen, wie „wertvolles Mitglied der Gesellschaft geht morgens zum Scheißjob und kommt abends heim und fährt einmal im jahr nach Malle“ oder halt „man will sein Kind nicht auf H4-Niveau aufwachsen lassen“ (was es, siehe oben, nicht würde), als würde ausgerechnet Konsum glücklich machen. Und dann der Konsumdruck von außen, vor allem über Werbung. Das auszuhalten, scheint mir die wirkliche Herausforderung bei dieser Idee.

  3. Emtiju schreibt:

    Interessant, dass es dazu eine Szene gibt. Meine Freundin und ich befinden uns seit etwa 6 Monaten in dieser Abgewöhnungsphase. Nach Studium, etwa Zehn Jahren Konsum inkl. Eigentumswohnung, zwei Autos etc haben wir bemerkt, dass es so nicht 35+ Jahre weiter gehen kann. Ein Auto ist schon weg, das zweite zum Verkauf, Einkäufe mit Rucksack, Fahrt zur Arbeit mit dem Rad, Urlaub in Deutschland, feste Budgets (danke für den YNAB Hinweis!!) und nun wandert ein Drittel des Nettogehalts mehr aufs Sparkonto. Das Ziel: Weltreise in 5 Jahren, on a Budget aber dafür Open End. Es fühlt sich bereits jetzt so viel besser an als der Konsum es je geschafft hat.

  4. Toby schreibt:

    Interessantes Konzept. Was ist denn mit „derart anlegen“ gemeint, wo es doch ohne Risiko kaum noch Zinsen gibt?

    1. tkrholic schreibt:

      Hallo Toby,
      es gab noch nie Zinsen (im Sinne von realer Vermögenszuwachs, also nach Kosten, Steuern und Inflation) ohne Risiko. Nur waren die Zinsen bisher nie bei „0“. Habe in einem Finanzblog einen Artikel gelesen, wo die Zinsen (Kredit-, Spar- und Leitzinsen) der letzten 30, 40 Jahre gegenüber gestellt wurden. Leider finde ich den Artikel nicht mehr.
      Bzgl. Risiko geht es darum, zuerst die eigene Risiko-Neigung rauszufinden.

      Hier eine kleine Linksammlung für ein minimales Maß an finanzieller Bildung.

      Börsen-Basics – Der Finanzwesir erklärt. https://www.finanzwesir.com/was-ist
      Wie hoch ist deine Schmerzgrenze? Errechne sie. https://www.finanzwesir.com/blog/maximaler-verlust-drawdown-depot
      Psychofalle – Schön die Nerven behalten! https://www.finanzwesir.com/blog/psychofalle-boerse-passiv-investieren
      Immobilien – Investition oder Konsum? https://zendepot.de/immobilien/
      Geldwertillusion – Was ist das? https://www.finanzwesir.com/blog/geldwertillusion
      Inflation – Der Vermögensvernichter Nummer eins https://www.finanzwesir.com/blog/inflation-ist-der-vermoegensvernichter
      Der Zinseszins – Dein Freund und Helfer https://www.finanzwesir.com/blog/zinseszins

      Viel Spaß beim lesen & rechnen,
      tkrholic

      1. Toby schreibt:

        Danke für die Links. Dabei kristallisiert sich für mich das Problem heraus, dass man bei Finanzgeschäften, sowie Versicherungsgeschäften entweder einen erheblichen Aufwand an Selbstbildung betreiben muss oder sich von irgendwelchen Beratern über den Tisch gezogen fühlt. Jetzt müsste nur der Nerd in mir sich mal für das Thema begeistern können. 🙂

        1. Peter schreibt:

          Im Prinzip reicht schon, wenn Du das Video hier schaust und 2 ETFs kaufst: MSCI World und MSCI EM.

          Kannst Dich aber beliebig rein steigern. Ich freunde mich eher mit Dividendenaristrokraten an, da so ein regelmässiges Einkommen rein kommt.

        2. Einer schreibt:

          Das ist kein erheblicher Aufwand, das wollen einem die „Berater“ nur glauben lassen. Wenn man Interesse hat kann man sowas relativ schnell selber lernen.

  5. Steve schreibt:

    Das wäre doch mal ein schönes Thema für WRINT.

    Mal mit jemandem sprechen, der dieses Ziel verfolgt oder es vielleicht auch schon erreicht hat.

  6. Rico schreibt:

    zu spät für mich.
    Aber das Problem sind doch Eltern, die einen ab dem gefühlten 4. Lebensjahr auf die Karriereleiter trimmen.
    Und dann hängt man mit Ende 40 da und macht sich Gedanken über die Rente, während die, die aus dem Kreis ausgebrochen und den „Early Retirement“-Stil verfolgt haben im Endeffekt besser dran sind.
    Jetzt bin ich deprimiert.

    1. holgi schreibt:

      Aus den Ansprüchen seiner Eltern rauszukommen, stelle ich mir allerdings leichter vor, als dem Konsumdruck zu entgehen, der von überall anders her auf einem lastet und ja erst dazu führt, dass wir teures Verhalten (Auto, Kleidung, Reisen etc) derart normal finden, dass wir teilweise sogar bereit sind, uns dafür zu verschulden.

  7. Vor zwei Jahren habe ich auch damit angefangen und schaffe es in diesem Jahr immerhin schon monatlich 200,- Euro Dividenden herauszubekommen. Mit meinen mittlerweile 47 Jahren werde ich die Finanzielle Freiheit so wohl auch nicht mehr schaffen, aber es ist schön (und motivierend) zu sehen, dass die Erträge mit der Zeit immer weiter steigen. Ich blogge selbst darüber unter https://nsefb.blogspot.de, aber nicht unbedingt lesenswert, unten packe ich noch einen schönen Lesetipp rein.

    Es geht, denke ich, auch nicht darum, zum Geizkragen zu werden, der sich nichts mehr gönnt, sondern eher darum, zu erkennen, welchen zusätzlichen Luxus man sich sparen kann. Oft genannt wird der tägliche Kaffee bei Starbucks, den man sich genausogut verkneifen, das gesparte Geld monatlich anlegen und so unermeßlich reich werden kann. Nein, wem dieser Kaffee wirklich besser schmeckt, darf sich das ruhig gönnen.

    Nur insgesamt kann man sich ja mal fragen, warum man einer der ersten mit dem neuesten Smartphone sein muss. Spätestens wenn die Freunde nachgezogen haben, ist der Statusvorteil dahin und alle 800,- Euro ärmer. Reicht also nicht auch eigentlich das zwei Jahre alte Smartphone noch ein drittes Jahr? Muss ich unbedingt einen 52-Zoll-Fernseher haben? Mit 4k, 3D, 8+1, 200Hz und stylisch gebogenem Screen? Ein Neuwagen? Luxusuhr? Oder auch: Noch ein Fahrrad, noch eine andere Kamera? 😉

    Wenn man auf ein bisschen Luxus verzichtet, kann man recht viel Geld sparen. Wenn man das dann gewinnbringend anlegt, wird es sogar mehr, wirft weiteres Geld ab und irgendwann bekommt man auf diese Art mehr Geld als man bisher zum Leben brauchte (nachdem man vom Gehalt das Gesparte weggelegt hat). Wenn einem dann die Arbeit keinen Spaß macht, kann man auch ruhig aufhören damit. Muss aber nicht. Da man sich bis dahin auch überflüssigen Luxus abgewöhnt hat, dürfte man damit gut Leben können. Zur Sicherheit darf es aber auch gerne noch etwas mehr sein 🙂

    Ach jetzt schreibe ich mich schon wieder warm. Nur ganz kurz: Reich werden in drei Schritten:
    1. Schulden tilgen. Die Zinsen, die man hier zahlt, sind viel zu teuer. Raus aus dem Dispo ergibt einen rechnerischen Vorteil von 12-16% im Jahr. Das kriegt man sonst nirgendwo.
    2. Notgroschen: Mehrere Monatsgehälter je nach Risikobedürfnis, gerne um 3-6 Monate ohne Job zu überbrücken, bzw. auch mal eine kurzfristige Reparatur/Neuanschaffung abzufangen. Sowas gerne auf ein Tagesgeldkonto, schnell verfügbar, bisschen Zinsen.
    3. Alles überflüssige Geld (haha, überflüssiges Geld – ich meine solches, auf das man nicht angewiesen ist. Wenn es weg wäre, wäre es blöd, treibt einen aber nicht in den Ruin). Also alles überflüssige Geld kann man anschließend langfristig(!) anlegen. Wie man das sinnvoll und sicher anstellt, kann man in verschiedenen Finanzblogs nachlesen. Wichtig ist auch festzustellen, dass die Börse nicht jedermanns Sache ist. Aber man kann auch schon ab 25 Euro monatlich Sparpläne anlegen.

    Als Lesetipp wie oben versprochen würde ich den https://www.finanzwesir.com als erste Station empfehlen. Der ist Ingenieur, geht das Thema dementsprechend mit Hirn und gesundem Menschenverstand an und lässt sich trotzdem super lesen. Den würde ich auch als ersten Gesprächspartner empfehlen, falls da ein Podcast fällig wäre.

    Jetzt aber Schluss. Will hier ja nicht die Textgrenze sprengen 🙂
    Grüße,
    Oz

    1. tkrholic schreibt:

      Hallo,
      Au ja, ein Podcast mit Holger und dem Finanzwesir.
      Hier auch der Link zum Video mit dem Vortrag des Finanzwesirs beim Finanzgipfel diesen Jahres: „https://www.youtube.com/watch?v=j0XnkIgxFJ0“
      Ich kann noch zendepot.de als Blog empfehlen und „für die Ohren“ der Podcast „Der Finanzwesir rockt“. Hier podcasten der o.g. Finanzwesir und der Finanzrocker. Beide haben unterschiedliche Ansätze zum Thema und können daher auf einen entsprechend breiten Erfahrungsschatz zurückgreifen. Um mal in der Materie quer zulesen kann ich auch http://finanzblogroll.de/ empfehlen. Hier sind jede Menge Finanzblogs, die die Vielfalt der persönlichen Konzepte ganz gut darstellen.

      Was ich auch empfehlen kann, sofern man sich eine Immobilie bzw. einen Immobilienkredit ans Bein gebunden hat: Nach dem Notgroschen, alles „überflüssige“ Geld in die Sondertilgung der Immobilie stecken.
      Vlt. ist es auch sinnvoll für die Immobilie einen separaten Notgroschen in Form von Tagesgeld anzulegen; Stichwort: Instandhaltungsrücklage.
      Danach gehts meiner Meinung nach erst an das Ausloten der eigenen Risikofreudigkeit und den Aufbau eines Depot passend zur Risikoneigung.

      Hier auch der Link zum Video mit dem Vortrag des Finanzwesirs beim Finanzgipfel diesen Jahres: „https://www.youtube.com/watch?v=j0XnkIgxFJ0“

      Viele Grüße,
      tkrholic

  8. Peter schreibt:

    Gerd Kommer wäre auch ein interessanter Gesprächspartner. Nachdem ich sein Buch gelesen habe, kam ich zum Schluss kein Haus zu kaufen, sondern zu mieten, wenn ich es brauche.

    Finanzielle Unabhängigkeit erfährt derzeit einen ziemlichen Hype. Prinzipiell nicht schlecht, wenn sich die Leute finanzielle Bildung aneignen und Ihr Geld nicht ihrem Bankberater anvertrauen, der nur die eigenen Produkte verticken will.

    Habe das Glück, dass ich mir keinen ausschweifenden Lebensstandard nach dem Studium angewöhnt habe. Zwar wohne ich in einer 110qm Wohnung und fahre 2 mal im Jahr in den Urlaub, aber ein Auto ist zum Beispiel nicht nötig und damit auch nicht (mehr) vorhanden.

    Dann kam noch dazu, dass ich mit Frau in die Schweiz gezogen bin. 200k€ Einnahmen stehen etwa 90k€ Ausgaben gegenüber (ja – so teuer ist es gar nicht). Der Rest geht seit etwa 1 Jahr ins Depot (Erwachungsmoment durch das Erarbeiten finanzieller Bildung).

    Die erste Millionen wird mit 40 tatsächlich auf dem Konto/ Depot sein und generiert jetzt bereits ein zusätzliches Einkommen.

    Das Thema ist aber recht heikel. Schnell gibt es Neider, daher kann man da kaum im Umfeld drüber sprechen. Das Umfeld kauft sich auch lieber ein „Eigenheim in der Pampa auf Pump“ (googeln) und verteidigt seine Strategie für 25 Jahre verschuldet zu sein. Auch ein Thema von Kommer.

    1. holgi schreibt:

      Ist das wirklich Neid oder bloß geistige Unflexibilität? Ich habe ja eher den Verdacht, dass es schlicht das Unvermögen ist, sich selbst in dieser Situation zu sehen, oder halt der Ärger darüber, nicht selbst rechtzeitig darauf gekommen zu sein (so wie bei mir). Und das führt dann bei den meisten dazu, dass sie einem erklären wollen, warum das ja gar nicht geht.

      Übrigens: Gratuliere! 🙂

      1. Peter schreibt:

        Ich denke beides. Grundproblem ist jedoch meistens, dass die meisten Menschen von der Hand in den Mund leben und ohne Sinn und Verstand konsumieren.
        @Holgi: Den Blog von http://timschaefermedia.com/ kann ich Dir auch noch empfehlen – auch als Gesprächspartner für Deine Sendung.

    2. Ich denke „Neid“ ist generell ein schwieriger Begriff. Viel öfters geht um ein Ungerechtigkeitsempfinden. Beispiel: Mir steht es zu, alles zu studieren, was ich möchte. Im Prinzip könnte ich an diese Frage mathematisch rangehen und überlegen, womit ich wie schnell am meisten Geld erwirtschaften kann. Dann treten mehrere Nachteile auf: 1. ich gerate in ein Job, der mich nicht ausfüllt. 2. Die Gesellschaft verliert wichtige Arbeitnehmer in Berufen, die sie benötigen. Ein Lehrer oder ein Sozialarbeiter muss studieren, wird aber niemals eine Millionen auf dem Konto haben. Die leidige Debatte, auf welcher Basis ein Beruf bewertet wird, will ich gar nicht aufführen. Jeder weiß sicherlich, wie wichtig soziale Berufe sind – aber ist es dann Neid, wenn man sich darüber ärgert, nie diese finanzielle Unabhängigkeit erreichen zu können? Ich kann ja nur für mich sprechen, ich studiere sehr bewusst Soziale Arbeit, auch wenn ich es schon nett fände, mehr Geld dafür zu bekommen. Dir, Peter, oder sonst wem, möchte ich das ja gar nicht wegnehmen, ich denke das Problem ist die fehlende Wertschätzung von Berufsgruppen.

  9. Ich finde es interessant. Ich studiere aktuell, habe spät damit angefangen und trotzdem denke ich, dass ich es versuchen werde. Eine Sache ist mir aufgefallen, die ich vielleicht schwierig finde: Du hast da etwas, womit du Geld verdienen kannst. Du machst Podcast. Du betonst ja, dass es nicht darum geht, in der Renten-Phase nasebohrend nichts zu tun. Nur was tut jemand, der kein Hobby griffbereit hat, womit sich Geld verdienen lässt? Es ist natürlich so, dass man viel lieber arbeitet wenn es Spaß macht und Geld nicht das Druckmittel ist. Nur muss es diese Arbeit erstmal geben – oder verstehe ich da etwas falsch?

    1. holgi schreibt:

      Ich musste ja auch erstmal über 40 Jahre alt werden, um diese(n) Beruf(ung) zu finden. Bis dahin hatte ich ’nur‘ das Glück, immer Jobs zu machen, die ich mindestens sehr gut erträglich fand (es war tatsächlich kein echter Scheißjob darunter).
      Dass ich genau jetzt auch noch von exakt der Sache leben kann, die ich am liebsten mache und die ich am besten kann, gehört vermutlich in die Rubrik „mehr Glück als Verstand“. Insofern solltest Du mich nicht als Maßstab nehmen.

      Du scheinst außerdem das Pferd von hinten aufzuzäumen. Geh doch erstmal arbeiten und schau, welche Gelegenheiten währenddessen an dir vorbeikommen. Vielleicht hast Du ja auch Glück und ergreifst die richtige.

      1. Freut mich auf jeden Fall für dich, so etwas wird ja immer seltener in unserer Gesellschaft. Ich studiere spät weil ich lange gebraucht habe, um einzusehen, dass mein eingeschlagener Weg nicht der richtige ist. Jetzt studiere ich Soziale Arbeit und weiß, dass es ein Beruf sein wird, der mich zumindest zufriedenstellen wird. An den meisten Tagen, aber viel mehr zu erwarten wäre albern.

        Ich werde aber tatsächlich erst mal arbeiten und es versuchen und dann schauen, wie sich alles entwickelt. Es ist ja eine Planung auf lange Sicht – danke für die Anregung. Sie ist so naheliegend, dass es wirklich komisch ist, dass es nicht jeder zweite so handhabt.

  10. Jonas schreibt:

    Auch wenn mich an dieser Theorie stört, dass einige ihrer Anhänger eine Art Quasireligion daraus machen und teilweise leicht ins Esoterische abdriften, habe ich dort einige sehr gute und spannende Gedankenspiele gefunden.
    Ein Argument, das ich sehr überzeugend finde, hast du, Holgi, bisher weder im Blog noch im Podcast genannt, weshalb ich dich hier (auch auf die Gefahr hin, dass du es schon kennst) gerne darauf aufmerksam machen möchte:
    Der Gedanke ist, dass jede aktuelle Ausgabe Opportunitätskosten, also entgangene zukünftige Gewinne in Form von Zinsen erzeugt. Damit wird jede Ausgabe zu einem unendlich lange laufenden Kredit an dich selbst.
    Beispiel (entnommen von https://frugalisten.de/die-300-regel-bezahlst-du-einen-unendlichen-kredit/): Du kauft dir heute einen Gegenstand für 300 Euro. Hättest du das Geld stattdessen angelegt, würdest du bei 4%-Verzinsung jährlich 12 Euro, also monatlich einen Euro Zinsen bekommen. Da du die 300 Euro jedoch stattdessen ausgegeben hast, „bezahlst“ du dein Leben lang quasi einen Euro im Monat in Form von entgangenen Zinsen.
    Nach dieser „300-Euro-Regel“ kann man sich also immer die folgende Frage stellen: Ist es mir meine aktuelle Anschaffung wert, dass ich mein Leben lang Betrag x dafür bezahle? Möchte ich für meine neuen Schuhe für 150 Euro bis an mein Lebensende 0,5 Euro im Monat bezahlen? Ist mir mein neues E-Bike für immer 10 Euro im Monat wert (auch wenn es längst kaputt ist)? Usw.
    Mit diesem Gedankenspiel habe ich mir schon die ein oder andere sinnlose Ausgabe erspart, vor allem wenn es um Gadgets geht, die ich sofort und unbedingt haben möchte. Ihr kennt das… Hust, Kamera-Objektiv, hust…

    1. holgi schreibt:

      Ganz einfach: Hatte ich bisher übersehen.

      Dabke für den Hinweis! Hat tatsächlich dazu geführt, dass ich heute nicht ein eBike mitgecrowdfundet habe.

    2. martin schreibt:

      Wo bitte gibt es heute noch 4% Zinsen auf Guthaben? Und selbst wenn es die noch gäbe, müsste zunächst die Inflation gegen gerechnet werden. Realzins ist entscheidend, nicht Nominalzins. Unter wohlwollenden realen Bedingungen: 2% Zinsen, Inflation 1,6% ergeben sich gerade mal 0,4% Realzinsen, also ein Ertrag von 1,10 EUR im Jahr.

      1. holgi schreibt:

        Und damit man sich solcherlei Empörerei sparen kann, ist es wichtig, sich in Finanzfragen einigermaßen kundig zu machen. Wer das getan hat, wird sein Geld sicherlich auch dann nicht zur Bank tragen, wenn es dort 4% aufs Sparbuch gibt, sondern sich bessere, langfristige Anlageformen suchen.

    1. holgi schreibt:

      Dich so schnell wie möglich finanziell so unabhängig wie möglich zu machen, damit Du nicht gezwungen bist, bis zu deinem 70. Lebensjahr in einem Job zu arbeiten, der dir möglichweise keinen Spaß macht.
      Dahin kommst Du, wenn Du so viel deines verfügbaren Einkommens sparst, wie es bei einem dir genehmen Lebensstandard möglich ist. Je weniger Du sinnlos konsumierst – beispielsweise ein Auto, obwohl Du auch mit dem Rad zur Arbeit fahren oder in deren Nähe wohnen könntest – desto mehr kannst Du anlegen. Extrem treiben es die Frugalisten, die mit einem absoluten Minimum auskommen – dafür aber davon ausgehen können, dass sie dieses Minimum nach 15 Jahren anlegen aus der Rendite finanzieren können.

  11. Pöter schreibt:

    Ich glaube der ganzen Idee liegt der Irrglaube zugrunde, dass Karriere und Job irgendwie ein Schicksal sind. Dem ist aber nicht so: Du sagst, dass Du vor 20 Jahren schon gut verdient hast und die Kohle nur hättest zur Seite legen und nicht verkoksen müssen und schon wärst Du jetzt reich und könntest nur noch podcasten. Aber hättest Du denn den Job auch wirklich 20 Jahre machen können? Und hat nicht das Koksen auch irgendwie dazu gehört? Und wärst Du überhaupt nach Berlin gegangen und hättest Tim kennengelernt, wenn sich dein Leben im Wesentlichen darum gedreht hätte, möglichst wenig Geld auszugeben?
    Und das was Du jetzt machst, finden Leute ja gut, weil Du auch was zu erzählen hast – klar muss das 6. Fahrrad nicht sein, aber letztlich unterhält Du AUCH genau mit diesen Macken jede Woche 10.000e Menschen und verdienst damit Dein Geld.
    Und wenn Dich das alles noch nicht überzeugt: Du hättest vielleicht nie „die Liebste“ kennengelernt, wenn Du in Köln Aufnahmeleiter geblieben wärst – und was ist denn geiler: jeden Monat 500€ Zinsen oder jeden Abend mit der Liebsten einschlafen?

    1. holgi schreibt:

      Ich glaube, dir liegt der Irrglaube zugrunde, dass nur dieses eine Leben lebenswert ist. Klar wäre vermutlich vieles oder sogar alles anders verlaufen, aber ich bin überzeugt, dass auch das am Ende gut gewesen wäre. Ich bedauere ja nicht mein Leben, sondern bloß den Umstand, dass ich gezwungen bin, Erwerbsarbeit zu leisten.

      Und das Schlimme ist ja: Karriere und Job sind für die meisten Menschen Schicksal. Davon bin ich nach unzähligen Gesprächen über dieses Thema überzeugt. Dummerweise scheint es das dann aber auch für genau diejenigen zu sein, die kaum die Möglichkeit hätten, genug wegzulegen, um dem Schicksal so schnell wie möglich zu entgehen.

  12. Einer schreibt:

    Es gibt übrigens auch die FI/RE (financial independence/retire early) Szene auf Reddit: https://www.reddit.com/r/financialindependence/

    Ich bin mit 40 an dem Punkt wo ich den Schalter jetzt umlegen könnte, wenn ich weiter moderates Risiko eingehe (was übrigens nie ganz weg ist). Was ich festgestellt habe ist, das die Möglichkeit es zu tun viel wichtiger is als es wirklich zu machen. Wenn man nicht arbeiten muss, dann ist der Druck weg und Arbeit rückt in ein anderes Licht. Dass sie einem Spass mach ist mal vorausgesetzt. Allerdings sucht man dann nach anderer Art von Arbeit. Gehalt wir weniger wichtig als eine Stelle wo man unmittelbar am Erfolg beteiligt ist z.B. durch eine Beteiligung. Oder halt komplett was eigenes zu machen. Komplett gar nichts mehr zu machen ist glaube ich recht selten. Die Gier noch mehr zu haben verschwindet nie, sie wird nur weniger.

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