Ich war bei Karstadt

Der Dosenöffner ist kaputtgegangen. Dosenöffner gehören zu diesen Dingen, die so selten kaputtgehen, dass man an deren Ausfall bemerkt, dass man älter wird. Waschmaschinen, Kühlschränke und Staubsauger gehören auch dazu.

Ich wohne in Tempelhof. Wenn man einen Dosenöffner braucht, geht man zu Karstadt. Früher gab es bestimmt auch mal Haushaltwarenläden irgendwo im Bezirk, aber ich vermute, deren Zeiten sind vorbei, und halte darum auch nicht Ausschau nach sowas. Obwohl ich Haushaltwarenläden immer besonders spannend fand, denn dort gab es ungefähr genauso viele Sachen wie bei Karstadt, bloß ohne die Klamotten, Lebensmittel und Fernseher, dafür aber in Schubladen und Kästen.

Als ich jung war, gab es im Ort einen Haushaltwarenladen. Bei dem hatte ich den alten Dosenöffner gekauft und eine Pfeffermühle. Die war aus Plastik und ist schon vor einigen Jahren bei einem Sturz ums Leben gekommen. Jetzt habe ich eine aus Holz, die dermaßen neu aussieht, dass ich mich immer ein wenig schäme, wenn ich sie benutze. Gekauft habe ich sie in Tempelhof beim Karstadt.

Gefühlt gab es früher an jeder zweiten Ecke der größeren Siedlungen einen Kaufhof, einen Karstadt und einen Hertie. Ich erinnere mich sogar noch an ein Kaufhaus namens Horten. Dazu kamen dann noch so lokale Kaufhäuser wie Teitge in Euskirchen, bei denen ich damals – nach angemessener Wartezeit, denn auch im Westen waren Dinge gelegentlich knapp, vor allem Autos von Mercedes –  meinen Zauberwürfel kaufen konnte. Den hatte man bestellt, angezahlt und irgendwann riefen die an und sagten, man könne ihn jetzt abholen. Der Laden war ungefähr 20 Kilometer und eine Parkplatzsuche von zuhause entfernt und trotzdem ist meine Mutter gleich mit mir hingefahren. Es gab nämlich auch immer noch andere, zauberhafte Dinge zu sehen im Kaufhaus, so dass ein Besuch dort nie wirklich vergeblich war.

Wenn ich heute in den Karstadt gehe, geht es mir immer noch ein wenig so und ich verbringe dort viel mehr Zeit, als notwendig wäre, um beispielsweise eine Pfeffermühle zu kaufen, und entedecke jedesmal irgendwelche interessanten Dinge, die ich zwar nicht kaufe, über die ich mich aber jedesmal freue. Ganz selten gehe ich sogar dort im Restaurant eine Kleinigkeit essen.

Ich fürchte, dass diese Art Kaufhaus irgendwann verschwunden sein wird und mit ihnen auch das kleine, leicht kindliche Staunen, mit dem ich durch deren Gänge schlendere.

Ich war bei Karstadt

15 Gedanken zu „Ich war bei Karstadt

  1. Truhe schreibt:

    Wenn ich einen Dosenöffner brauche, dann gehe ich zu Rossmann. Die haben das. Neben Fahrradteilen, Lego Star Wars, Bibis Duschschaum und veganer Schokolade. Im Grunde ist Rossmann ein Späti, der nicht lange geöffnet hat.

      1. Truhe schreibt:

        Ja. Ich denke dort allerdings nie dran und fahre quer durch die Stadt. Und beim nächsten Mal bei Rossmann liegt’s dann einfach so dort herum. Aber ja, unromantisch ist es dort. Ist halt ein Späti ;).

  2. So geht es mir auch. Geprägt durch Horten (heute Malaria Kaufhof). Die „Waben“-Fassade erinnert an die Kindheit, wo das Spielzeug noch in der obersten Etage zu finden war. Heute gehts eher in den Keller zum Bürobedarf….

  3. Andreas Müller schreibt:

    ÖHhhhh… Bin jetzt ein bisschen platt. Weil ich dachte immer, ich wäre der einzige der so denkt. Du sprichst mit hasse dich ein wenig aus der Seele. Sehr gut. Da bin ich ja doch nicht verrückt 😂😂. Danke Holgi

  4. Ha, einen Horten hatten wir auch. Das war offenbar in einer kritischen persönlichen Wachstumsphase, so dass der Laden nach seiner Umflaggung in einen Kaufhof für unsere Familie noch immer Horten heißt.

  5. Jonas schreibt:

    Karstadt- und Hortenbesuche war festes Wochenendprogramm mit meinem Vater, der wohl für die den wochenendlichen Besuche seines Sohnes wenig Programm erdacht hatte. Es waren immer schöne Samstage!

    Und es gibt sie noch: Den Weyrauch in Bad Nauheim, oder das Kaufhaus Teka in Marburg.

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